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Der Püchauer Hexenprozeß im Jahre 1662

Von Gustav Schellhorn

 

Zu der Zeit, als der Dreißigjährige Krieg noch wütete, verheiratete sich eine Tochter des Ortsrichters von Falkenhain nach Lübschütz in der Kirchfahrt Püchau. Hätte sie ahnen können, daß ihr dort als Fremde von den anderen Frauen zeit ihres Lebens nur Geringschätzung und Mißtrauen entgegengebracht und sie in ihren alten Tagen sogar als böse Hexe verleumdet werden würde, hätte sie ihre Heimat sicherlich nicht so freudig verlassen, um das Weib des Kohlenbrenners Andreas Jehnichen in Lübschütz zu werden.

Von den Dorfbewohnern wurde sie schlechthin "Die Köhlerin" genannt, mit der es nicht ganz richtig sei. Dieser Verdacht verstärkte sich noch, als im Jahre 1658 in Püchau eine große Viehseuche ausbrach, was man der Hexerei der "alten Köhlerin" zuschrieb, die mit ihren 53 Jahren doch im besten Alter stand.

Die Püchauer Bauersfrauen waren stolz darauf, daß in Wurzen, Eilenburg und sogar Leipzig ihre Butter von jeher als die beste von allen im Geschmack und in der Bearbeitung galt. Das wurde beim Ausbruch der schweren Seuche mit einem Schlag anders. Und als auf dem Wochenmarkt in Eilenburg die Frau "Stadtschreiberin" sogar zur Ehefrau des Püchauer Richters Simon Ludwig öffentlich äußerte: "Ihr Püchauer Frauen seid wohl zu hochmütig geworden und kümmert euch nicht mehr um eure Wirtschaft, denn solche Butter kann doch nur ein altes Klunkerweib zusammengeklitschet haben, aber keine richtige Bauersfrau", da fühlte sich diese begreiflicherweise sehr gekränkt und auch die übrigen Püchauer Bäuerinnen wurden darüber aufgebracht.

Es lag ja nicht an ihnen - denn die kranken Kühe gaben zu dieser Zeit ganz wenig oder nur wässerige Milch. Zum Beispiel: Die Schenkwirtin bekam von ihren beiden Milchkühen von Walpurgis bis zur Gerstenernte nur etwa zwei Kannen Milch. Bei Hans Müller hätte eine Kuh 8 Tage lang im Stalle gebrüllt und am 9. ist sie verendet. Ein Rind des Hans Krellich war "ganz verdorret" und mußte totgeschlagen werden. Veit Arndt hatte ganz besonderes Unglück, denn ihm waren vier Kühe gänzlich verdorret und am 9. Tage sind sie samt den beiden Pferden und dem Ochsen eingegangen. Hans Bürke büßte in kurzer Zeit zwei Milchkühe, eine tragende Färse, einen 6jährigen Ochsen und sieben 2jährige Kälber ein. Dem Gregor Müller war auch ein starker Ochse verendet, den der Kaviller holte und dazu noch 14 Stück zweijährige Schweine. Solch ein Unglück! Woran mag das nur liegen! An zu frischem Gras auf den Muldenwiesen? oder an den Ställen? Sicherlich nicht; denn die Dögnitzer und die Nepperwitzer hatten dieselben Wiesen - auch die Ställe waren nicht anders und doch blieb ihr Vieh gesund.

Da erinnerte sich der stets klug redende Gregor Müller, daß in seiner früheren Heimat vor 30 Jahren ebenfalls viel Vieh krepierte, weil es behext gewesen sei. Nachdem man die Hexe verbrannt habe, hätte die Viehseuche sofort nachgelassen. Nun war es ausgesprochen, was schon alle im Stillen glaubten: Das Vieh ist verhext worden. Jetzt verriet auch die Käsemutter auf dem Rittergute, daß das Schlossvieh an den Strichen sehr verderbet ist, Blut melkt und die besten Kühe dösig und drehig geworden wären, weshalb sie schleunigst an die Wurzener Fleischer verkauft worden sind. Der damalige Rittergutsbesitzer von Püchau Heinrich von Taube ließ deshalb durch den Ortsrichter der Gemeinde bekannt geben, daß man sein Vieh "ungeschabernacket" lassen soll, anderenfalls würde er Anderes vornehmen.

Man beratschlagte im Dorfe hin und her, wer wohl die Hexe sein könnte. Alle hatten die Frau des Andreas Jehnichen in Lübschütz in Verdacht, aber niemand wagte sich, das laut und öffentlich kund zu geben. Endlich platzte doch die Frau des Richters Ludwig heraus: "Die Hexe ist weiter niemand als die Köhlerin. Wir haben unsere liebe Not mit dem Vieh, aber der ihre Ziegen bleiben munter und gesund, und ihre Euter strotzen von guter Milch. Man hat auch schon den feurigen Drachen in ihre Esse hineinfahren sehen.

Nur die Köhlerin ist die Hexe." Das sagte sie aber nur aus Ärger darüber, weil die Frau Jehnichen keine Butter mehr bei ihr kaufte, da diese gar zu schlecht schmeckte.

Am Sonntag danach traf der Gregor Müller die Köhlerin auf dem Wege zur Kirche. Er beschuldigte sie öffentlich der Hexerei und drohte ihr mit einer gehörigen Tracht Prügel, wenn sie ihm nicht "ungeschoren" ließe. Die gekränkte Frau verklagte ihn deshalb beim Kurfürstlichen Amtsschösser in Eilenburg. Dort erzählte Müller, die "Köhlerin" sei eines Tages zu ihm gekommen und habe Speck begehrt. Da man aber diese Frau im Verdacht habe, mit dem Bösen im Bunde zu stehen und der Drache "unterschiedliche Male" ihrem Hause zugezogen sei, habe er ihr nichts gegeben. Bald darauf wäre sein stärkster Ochse krepiert. Und was sagte die Frau Jehnichen hierzu? Sie erklärte, gesehen zu haben, wie Müller bei ihrem Anblicke in große Wut geraten sei und ganz toll und unbarmherzig den Ochsen geschlagen hätte, daß demselben drei Rippen brachen, was wohl die alleinige Ursache seines Verendens sein müßte.

Müller wurde schließlich verurteilt, die Kosten des Termines zu tragen und der Köhlerin an der Kirchentür öffentlich Abbitte zu tun. Das fraß dem ehrgeizigen Bauer fast das Herz ab. Er ging abermals nach Eilenburg, wandte sich aber nicht an den Amtsschösser, sondern an den Scharfrichter Michael Apitz und sagte zu ihm: "Gevatter! Ich gäbe meine beiden Daumen darum könnte ich dieses Weib am Pfahle sehen, denn eine Hexe ist es doch, da will ich Leib und Seele darauf verpfänden." Dem Müller schmerzte sein schönes Geld; aber es kamen noch andere Sorgen über ihn. Seine älteste Tochter Margarethe wurde plötzlich recht krank. Der besorgte Vater fuhr mit ihr an mancherlei Orte zu gescheiten Schäfern und klugen Frauen, aber der Tochter war nicht zu helfen; sie starb.

Den Müllersleuten war es nun sonnenklar, daß nur ihre Feindin, die Köhlerin, ihnen das Herzeleid angetan hatte, und das ganze Dorf stimmte ihnen bei, ja sogar der Pfarrer George Wirth. Dieser eiferte nicht nur auf der Kanzel gegen solche Teufelswerke, sondern bewog auch den Schloss- und Gerichtsherren Heinrich von Taube, eine gründliche Untersuchung einzuleiten. Der Amtsaktuarius Philipp Siegel vernimmt nun in der Gerichtsstube zu Püchau 16 Personen von Lübschütz und Püchau mit dem Ergebnis, daß sämtliche Geladenen nichts wider die Köhlerin auszusagen wußten. Diese aber brachte zu ihrer Entlastung vor, daß die verstorbene Margarethe Müller nicht durch Hexerei, sondern an einer Erkältung gestorben sei, da sie drei Tage lang und drei Nächte unter der Schafbrücke an der Mulde zugebracht habe, um den Schlägen ihres allzu strengen und hitzigen Vaters zu entgehen.

Der bekümmerte Mann der Köhlerin aber reiste nach Eilenburg und bat den Amtsschösser um Beistand gegen die Verleumder seiner unschuldigen Frau, die sich während der vielen Jahre, seit sie in Lübschütz wohne, immer ehrlich und fleißig gezeigt habe und von ehrsamen Herkommen sei, da ihr Vater 28 Jahre lang Ortsrichter in Falkenhain gewesen wäre. Der gestrenge Schösser geht auf diese Bitte insofern ein, als er von dem "Schöppenstuhl in Leipzig" ein Urteil einholte.

Dieser bestimmte, die Köhlerin von Rechts wegen aufs neue zu vernehmen und wenn sie sich etwa in Reden verdächtig mache, sofort zu verhaften. Das weitere Verfahren gegen die als Hexe verschrieene Ehefrau des Lübschützer Einwohners Andreas Jehnichen ergibt sich aus dem Verhandlungsberichte, welchen ich den Lesern zugleich als Orthographie- und Stilprobe der damaligen Zeit wortgetreu anfahre:

Den 4. Aprilis 1662 frühe vmb 3 Uhr ist Inquisitin in die Gerichtsstube zu Püchau gebracht vnd vff heerbeygesetzte aus dem Urthell gezogene Interrogatoria güthlichen jedoch nüt andeut- vnd bedrohung der zuerkannten Tortur befraget worden, hat darauff geantworttet, wie folget:

 

  Frage: Ob sie sich nicht an der Hexerei befließen?

Inquisitin saget Nein, die Zeit ihres lebens nicht.

Frage: Ob sie nicht dadurch Gregor Müllers tochter, die erlittenen schmerzen vnd Lähmnuß zugefüget?

Inquisitin saget nein, daß wüsse Gott der höchste im Himmel, daß ihr solche Sachen, nicht ins Hertze kommen wehren, die Zeit ihres lebens.

Frage: Ob sie nicht das Vieh behexet vnd bei denselb schäden verursachst?

Inquisitin saget Nein, daß sey ferne von ihr, wehre weder in ihre gedanken, noch in ihr Hertze kommen.

Frage: Wo sie die Hexerei gelernet?

Inquisitin saget, hätte Sie nicht gelernet, wehre auch in ihre gedanken nicht kommen.

Frage: Ob Sie nicht mit dem bösen Feinde gemeinschafft gehabt?

Inquisitin saget Nein, das sey ferne von ihr.

Frage: Ob Sie nicht durch desselbe Hülfe die Hexerei verübet?

Inquisitin saget Nein, ihr Lebtage nicht, da sollte Sie Gott dafür behüten. Frage: Was Sie dabey gethan und Ihr sonst darümb bewußt?

Inquisitin saget Nein, alß was ihr von Gott ihrem Schöpfer zuständig wehre.

 

Geschehen ist diese güthliche Verhör zu Püchaw, in der gewöhnlichen Gerichts-Stube in Gegenwart des Herrn Amtsschössers zu Eylenburg und der Püchawschen Gerichtspersohnen nahmentlich.

Die Gerichtsschöppen: Simon Ludwig Richter, Veit Arndt, Hannß Wüttich, Jacob Schleußing vnd meiner Endesbenannten,

hierzu vereydeten Notarii, anno die et hora ut supra.

Philip Siegel, Not. publ. caes.

und hierzu insonderheit vereydeter Aktuarius mpp.

Da das arme geängstigte Weib ungeachtet aller Vermahnungen und Drohungen mit der Tortur dabei blieb, daß sie keine Hexe sei und niemand Schaden zugefüget habe, wurde sie dem Scharfrichter übergeben, der sie "ausgezogen, entblößet, auf die Leiter gezogen und die Daumenstöcke angelegt hat, wobei Inquisitin sich zwar kläglich gestellet und zu weinen angefangen habe, aber ohne dabei Zehren zu vergießen." Das wurde von dem Scharfrichter und den Zeugen für ein sicheres Zeichen angesehen, daß sie doch die Hexerei ausgeübt hat. Trotz alledem mußte die standhafte 57jährige Frau doch aus der Haft entlassen werden. So geschehen den 4. April 1662.

Die Köhlerin erscheint im Jahre 1683 als 78jährige Frau wieder vor dem Püchauer Gericht. Man erfährt aus dem hierüber ausgefertigten Verhandlungsberichte nur soviel, daß Frau Jehnichen trotz der seiner Zeit ausgestandenen Marter und ungeachtet ihres hohen Alters noch recht rüstig war und ihre Zunge wohl zu gebrauchen wußte, denn aus einem Wortgefechte mit 6 anderen Weibern ist sie als Siegerin hervorgegangen.


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